27. Juli 2017

d&b ArrayProcessing bei Jennifer Rostock: Das GPS für Audio!

Die deutschsprachige Rockband Jennifer Rostock absolvierte im Frühjahr 2017 die passend zum gleichnamigen Album betitelte „Genau in diesem Ton“-Tournee. Bei der Beschallung der überwiegend ausverkauften Hallen bewährten sich Systeme von d&b audiotechnik: Links und rechts der Bühne wurden Arrays geflogen, die sich jeweils aus acht V8 und vier darunter befestigten V12 zusammensetzen. Die ersten Zuschauerreihen wurden darüber hinaus mit vier quer auf den Subbässen abgelegten V12 beschallt.

Wer seitlich der Bühne stand, konnte dem Geschehen akustisch über drei bis vier auf Hochständern montierte d&b T10 folgen, auf denen je nach Hallenbeschaffenheit entweder der komplette Mix oder eine Ergänzung für die direkt von der Bühne kommenden Schallereignisse zu hören war. Mit einem eigenen Feed wurden die Subwoofer als LFE („Low Frequency Effects“) angesteuert: Sechs Doppelstapel d&b J-SUB und zwei d&b J-INFRA stellten eine voluminöse, dennoch aber differenzierte und perfekt zur Musik von Jennifer Rostock passende Tieftonwiedergabe sicher.

Für ihr persönliches Monitoring verwendeten die Musiker IEM-Hörer. Nichtsdestotrotz kamen auf der Bühne Sidefills zum Einsatz, welche sich pro Seite aus zwei d&b V-SUB und zwei V7P zusammensetzten. Bei einem Ausfall der In-Ear-Systeme hätten die Lautsprecher den Künstlern eine Orientierung vermittelt, und darüber hinaus wurden sie für kurze Auftritte von Gastsängern benötigt. Weiterhin lieferten die Sidefills auf dem Podium ein „Wohlfühl-Frequenzfundament“, das in dieser Form mit kompakten In-Ear-Hörern nicht erreichbar ist. Die Sidefills waren als Besonderheit passend zur übrigen Bühnendeko in stapelbaren Gitter-Transportbehältern untergebracht.

Das Amping setzte sich aus D80-Vierkanalverstärkern zusammen, die in Systemracks („D80 Touring Rack Assembly“) montiert waren. Drei d&b DS10 Audio Network Bridges wurden als AES/EBU-Splitter genutzt und verteilten eingehende digitale Audiosignale auf die entsprechenden Eingänge der D80-Endstufen – der Signalfluss von der ersten A/D-Wandlung auf der Bühne bis zu den Verstärkereingängen war vollständig digital.

Zielführend: ArrayProcessing als Sound-Navigationsassistent

Für einen kraftvollen, die Konzertbesucher begeisternden Sound war FOH-Mischer Jakob Bernhart verantwortlich, der die leistungsstarke Beschallungsanlage unterstützt durch Systemtechniker Alexander Lewin ebenso kompetent wie musikalisch geschmackvoll zu nutzen verstand. Eine besondere Rolle nahm d&b ArrayProcessing ein, das merklich zur Optimierung der Tonalität im gesamten Zuhörerbereich beitrug und allen Gästen unabhängig von ihrem individuellen Standort ein eindrückliches Audioerlebnis verschaffte.

FOH-Mischer Jakob Bernhart, der auch Berufspilot ist, greift beim Gedanken an ArrayProcessing auf eine Analogie zur Fliegerei zurück: „Beim Fliegen gibt es den so genannten Track-Mode - es geht dabei um den kürzesten Weg von Punkt A zu Punkt B, welcher unter Einbeziehung aller Widrigkeiten zu berechnen ist. Ähnliches existiert auch in der Nautik: Will man beispielsweise durch einen Fluss an das gegenüberliegende Ufer gelangen, kann man genau berechnen, welche Energie bei einer gegebenen Fließgeschwindigkeit aufzuwenden ist, um eine exakt definierte Stelle auf der anderen Seite zu erreichen. Das kann man konventionell mit den Mitteln der klassischen Navigation machen, was bei entsprechender Erfahrung zu guten Ergebnissen führt - der Prozess ist aufwändig, aber durchaus sinnvoll, wenn keine anderen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Ein vollintegriertes System auf Computerbasis kann den Berechnungsprozess heutzutage allerdings schneller und exakter als jeder Mensch ausführen: Ein geschulter Anwender gibt den Start- und den Endpunkt sowie die Rahmenparameter ein, und der Track-Mode sorgt dafür, dass man ebenso sicher wie nachvollziehbar ans Ziel gelangt. Im Prinzip ist es das, was d&b ArrayProcessing leistet: Es ist eine Art GPS für Audio! Als Anwender braucht man dank ArrayProcessing sein Vorhaben nicht erst in komplexe Einzelprobleme zerlegen, sondern überlässt die Details der Software, welche sie in Echtzeit angehen kann. Nichtsdestotrotz muss man wissen, was man tut - ich möchte mit meiner Aussage keinesfalls eine Lanze für unqualifizierte Technikgläubigkeit brechen. Wenn die Maschine nicht mehr weiter weiß, muss der Mensch immer noch einen Plan B haben.“

Jakob Bernhart hält nichts davon, die von d&b audiotechnik spezifizierte Vorgehensweise bei der Anwendung von ArrayProcessing aufzuweichen und beispielsweise externe Systemcontroller in den Signalweg einzufügen: „Als vor Jahrzehnten bei den Luftstreitkräften von Propellermaschinen auf Düsenjets umgestellt wurde, setzten die Instruktoren in vielen Ländern zunächst ausschließlich frische Auszubildende an die neuartigen Systeme - ältere Piloten hätten zu viele Vergleiche mit bereits existierender Technik angestellt, und für eine Umschulung wäre ein sehr hoher Zeitaufwand erforderlich gewesen. Als ähnlichen Umbruch kann man den Umstieg auf Line-Arrays in der Beschallungstechnik verstehen. Das soll jetzt nicht heißen, dass ausschließlich junge Systemtechniker mit ArrayProcessing arbeiten sollten, aber ich plädiere für intensive Schulungen und standardisierte Abläufe. Die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten sind inzwischen wirklich krass, und als langjährig erfahrener Systemtechniker muss man aufpassen, dass einem die technologische Weiterentwicklung nicht davonläuft. Mit so viel Power unter der Haube lässt sich theoretisch auch grober Unfug anstellen - wer den Track-Mode verwendet, dabei aber nicht versteht, was im Hintergrund passiert, begibt sich und die ihm anvertrauten Personen in Gefahr.“