13. Januar 2017

d&b ArrayProcessing beim Grafenegg Festival 2016: Klassik-Klanggenuss für höchste Ansprüche

Klang trifft Kulisse: Das Grafenegg Festival zählt zu den bedeutendsten Orchesterfestivals Europas und begeistert jenseits einer erlesenen Musikauswahl mit einer spektakulären Spielstätte, welche Natur („32 Hektar Klassik“) und Architektur („Wolkenturm“) zu einem Gesamtkunstwerk verbindet. 
Für ein Aufhorchen bei anspruchsvollen Hörern sowie (nicht nur) in der österreichischen Proaudio-Szene sorgte der Umstand, dass 2016 erstmals Beschallungslösungen von d&b audiotechnik zum Einsatz kamen und d&b ArrayProcessing seine Vorzüge „auf ganzer Linie“ auszuspielen wusste.

Klassik im Wolkenturm

Auf die Bezeichnung „Wolkenturm“ hört in Grafenegg eine einzigartige Openair-Bühne, die Musik- wie Architekturliebhaber gleichermaßen begeistert und längst zu einem weithin bekannten Symbol für die Gemeinde geworden ist. Der Wolkenturm ist in eine natürliche Senke des Schlossparks eingebettet und tritt durch sein bemerkenswertes Architekturkonzept in einen Dialog mit der umgebenden Gartenlandschaft. „Neben seiner Funktion als akustisch perfekte Openair-Bühne denke ich mir den Wolkenturm auch als Gartenpavillon - als strukturierendes Element, das unerwartete Ansichten bietet“, sagt Architektin Marie-Therese Harnoncourt vom Wiener Architektenduo the next ENTERprise - architecs. Harnoncourt hat den Wolkenturm gemeinsam mit Ernst J. Fuchs entworfen.

Aus jedem Blickwinkel des Schlossparks verwandelt sich das aus Beton, Stahl und Glas zusammengesetzte Bauwerk: Vom Wiener Tor aus erscheint der Wolkenturm als Monument, während er sich andernorts als bewegte Skulptur präsentiert, die unerwartet spannende Perspektiven aufzeigt. Die Schallmuschel der Freiluftarena, die von der Firma Müller-BBM konstruiert wurde, macht den Wolkenturm nach Aussage der Konzertveranstalter zu einer der akustisch besten Openair-Bühnen der Welt. Am Wolkenturm befinden sich 1.730 Sitzplätze sowie 300 Rasenplätze. Bei schlechtem Wetter werden die Wolkenturmkonzerte in das nahe gelegene Auditorium verlegt.

Akustik wie im griechischen Amphitheater

Die Bühne des Wolkenturms ist derart gestaltet, dass sich die Musiker auf dem Podium ohne elektroakustische Unterstützung gegenseitig gut hören können. Die Künstler finden am Wolkenturm Gegebenheiten vor, die einer Proben- bzw. Konzertsituation in einem guten Konzertsaal ähneln, was stets für eine positive Überraschung sorgt und eventuelle Vorbehalte gegenüber Openair-Konzerten ausräumt. Gründe für die gute Akustik sind u. a. die Bühnengröße von 20 x 11 Meter (Breite x Tiefe), die Höhe (23 Meter) des Dachs, die Beschaffenheit der Schallmuschel, reflektierende Wand- und Deckenflächen sowie abgehängte, frei justierbare Akustiksegel. Für die akustische Gestaltung zeichnet die Müller-BBM GmbH aus Planegg bei München unter Federführung von Prof. Karlheinz Müller und Dipl.-Ing. (FH) Michael Wahl verantwortlich.

Durch die Orchestermuschel des Wolkenturms wird die Schallenergie vorteilhaft gebündelt, so dass sie direkt auf die Zuhörer trifft. Die unterschiedlichen Neigungswinkel der ansteigenden Sitzbereiche gestatten eine großflächige Versorgung des Publikums mit natürlichem Direktschall, ohne dass eine zu starke Schwächung durch Absorption über die Publikumsflächen eintritt. Es gilt das akustische Prinzip griechischer Amphitheater, bei denen visueller Eindruck und Hörempfinden direkt korrespondieren. Je nach Orchesterbesetzung, Windverhältnissen oder Umgebungs- und Verkehrsgeräuschen werden Pegelverluste elektroakustisch ausgeglichen, wovon vorrangig die oberen Tribünenbereiche (Park- und Schlosstribüne) betroffen sind.

Unterstützung für den Direktschall

Um keine Missstimmung bei puristisch orientierten Klassikliebhabern aufkommen zu lassen, wird in Grafenegg das Wort „Verstärkung“ wenn möglich vermieden – stattdessen spricht man von einer dezenten elektroakustischen „Unterstützung“, welche nicht zuletzt benötigt wird, um Moderationen verständlich zu machen. Zu Beginn jedes Konzertes erfolgt eine Durchsage, die eindeutig den Lautsprechern zuzuschreiben ist – für Konzertgäste erscheinen die oberhalb des Podiums zu sehenden Boxen-Arrays somit begründet, werden jedoch zu Konzertbeginn meist „vergessen“, zumal sie vom Scheinwerferlicht nicht erfasst werden.

Interessanterweise ist es so, dass in Grafenegg trotz Beschallung auch auf den hinteren Sitzplätzen optischer Eindruck und Klangempfinden perfekt korrespondieren: Der Klang wirkt in den oberen Reihen subjektiv „ausgedünnt“, wie es auch ohne elektroakustische Unterstützung der Fall wäre und es von den Gästen angesichts der Entfernung zur Bühne unterschwellig erwartet wird – mehr Sound würde hier auf die in Betrieb befindlichen Lautsprecher schließen lassen. „Die Abstimmung funktioniert so gut, dass man sich sogar als Profi täuschen lässt!“, erklärt Ernst Süß, Leitung Technik bei der Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft mbH.

Beschallung & Monitoring

2016 konnte bezüglich der elektroakustischen Unterstützung das bislang beste Ergebnis in der zehnjährigen Geschichte des Grafenegg Festivals erzielt werden: Erstmals setzte sich die Beschallungsanlage aus Komponenten von d&b audiotechnik zusammen, und ArrayProcessing konnte anlässlich einer herausfordernden Aufgabe sein beachtliches Potenzial unter Beweis stellen.

Dem beeindruckenden, im gesamten Zuhörerbereich homogen wirkenden Klangerlebnis waren umfangreiche Vorbereitungen vorausgegangen: „Zur Einrichtung der Anlage hatten wir einen Workshop anberaumt, in dessen Rahmen auf der Bühne Orchestermusiker nur für unsere Zwecke gespielt haben“, berichtet Sounddesigner Andreas Dröscher. „Auf diese Weise konnten wir begleitet durch das von Professor Karlheinz Müller und Diplom-Ingenieur Bernd Noack vertretene Akustikbüro in Ruhe unterschiedliche Einstellungen ausprobieren.“ Dröscher ist Head of Sound am Festpielhaus St. Pölten und begleitet das Grafegg Festival von Beginn an.

Als Lautsprecher kamen 2016 drei gegenüber den Vorjahren weiter mittig gehängte Line-Arrays zum Einsatz, die durch sechs entlang der vorderen Bühnenkante verteilte Nearfills (E8) ergänzt wurden. Letztere versorgten die vordersten Zuschauerreihen, welche vom aus der Orchestermuschel kommenden Direktschall nicht vollständig abgedeckt werden. Weiterhin zogen die Frontfills das Image nach unten, wobei vier Monitorlautsprecher (siehe unten) eine sonst möglicherweise zu stark ausgeprägte „Unten-Ortung“ minderten. Instrumente und Stimmen waren als Resultat der Maßnahmen auf Höhe der Protagonisten zu orten, wo sich de facto keine Lautsprecher befanden.

Die links und rechts der Bühne geflogenen Arrays setzen sich aus jeweils acht d&b audiotechnik Y8 zusammen, während das Center-Array aus zehn d&b audiotechnik Y12 aufgebaut war. Für das Amping waren vier D80 Endstufen und fünf D20 Verstärker zuständig. Geliefert wurden die d&b Produkte von der Zauner Veranstaltungstechnik GmbH und der Tonstudio Friedrich KG.

Wie gemacht für Grafenegg: d&b ArrayProcessing

Sounddesigner Andreas Dröscher berichtet: „Auf der Prolight+Sound 2016 habe ich mich am Stand von d&b audiotechnik ausgiebig über ArrayProcessing informiert - ich wusste direkt, dass diese Technologie für den Spielort in Grafenegg wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passt! In der Vergangenheit war es oft so, dass sich die Beschallungsanlage auf den vorderen Plätzen recht deutlich bemerkbar machte, wenn man die hinteren Plätze passend abgedeckt hatte. Dabei soll in Grafenegg für das Publikum auf gar keinen Fall der Eindruck entstehen, dass mit Verstärkung gearbeitet wird. Das akustische Konzept erlaubt zwar prinzipiell Aufführungen ohne elektroakustische Unterstützung - in der Praxis hilft eine Beschallungsanlage jedoch dabei, Unausgewogenheiten auszugleichen und Solisten noch besser in den Fokus zu rücken.“

Dröscher weiter: „Mithilfe von ArrayProcessing haben wir den Pegel von der Bühne kommend auf den ersten 20 Metern ansteigen lassen. Das Lautsprechersignal wird somit sozusagen sanft in den vom Podium kommenden Direktschall eingeblendet.“ 2016 konnte ein gleichbleibender Schalldruckpegel vom vorderen Publikumsbereich (mit fast nur Direktschallanteil) bis zur letzten Sitzreihe (mit ausgeprägterem Beschallungsanteil) erzielt werden. Die Pegeloptimierung erfolgte über eine linear verlaufende „Rampe“ mit einem kontinuierlichen Pegelanstieg bis zu einer Beschallungstiefe von etwa 25 Meter. Ab dieser Distanz wurde der Beschallungspegel durchgängig auf gleichem Level gehalten. Der Übergang zwischen natürlichem Direktschall und der ergänzenden Beschallung war praktisch unhörbar. Der Durchschnittspegel über die gesamte Beschallungstiefe verringerte sich bis zu den hintersten Sitzreihen lediglich um ca. 1 Dezibel pro Entfernungsverdopplung.

Als Mitarbeiter von d&b audiotechnik befanden sich anlässlich der zweitägigen Systemeinrichtung Michael Weiß und Markus Hammerschmid im Einsatz. Andreas Dröscher spricht von einer „hervorragenden Zusammenarbeit“, in deren Rahmen die bestmögliche Beschallungslösung erarbeitet wurde. „Sowohl die Lautstärke als auch die Klangbalance wirkten 2016 überall im Zuhörerbereich ausgewogen, und es ist wirklich fantastisch, wie gut man mit einer derart perfekt eingerichteten Anlage arbeiten kann“, freut sich Dröscher.

Die perfekte akustische Illusion

Die Jubiläumssaison in Grafenegg wurde durch einen neuen Besucherrekord gekrönt: „Wir können künstlerisch wie auch wirtschaftlich eine sehr erfreuliche Bilanz des Jubiläumsfestivals ziehen“, erklärt Rudolf Buchbinder, künstlerischer Leiter der Sommerkonzerte in Grafenegg. „Es macht mich glücklich und stolz, dass unser begeistertes Stammpublikum aber auch immer mehr neue Besucher den Zauber der Musik in Grafenegg entdecken. Die letzten zehn Jahre zeigen, dass es immer noch möglich ist, große Visionen gemeinsam zu verwirklichen.“

Auch Andreas Dröscher äußert sich mehr als zufrieden: „Das Setup beim Grafenegg Festival 2016 war ein großer Schritt nach vorne! Für den typischen Besucher war nicht auszumachen, dass Signale aus den Lautsprechern kamen. Über den gesamten Sommer hinweg haben wir außergewöhnlich viele positive Rückmeldungen zum Klang erhalten - vom Orchesterleiter bis hin zu den Konzertbesuchern fielen die Reaktionen durchweg begeistert aus. Der Klang war fantastisch, was mir bestätigt, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Die aktuelle Konstellation mit d&b Lautsprechern und ArrayProcessing wird auch in den kommenden Jahren unser Setup für Grafenegg sein - die Verbesserungen gegenüber der Vergangenheit sind eindeutig, worüber sich übrigens auch alle anwesenden Tonkollegen in beinahe schon unheimlicher Art und Weise einig waren …“.

 

Fotos: Alexander Haiden und Hans Leitner