In den letzten Jahren hat sich die Ausstattung und Nutzung von Stadien deutlich verändert. Sie dienen nicht mehr nur dem ursprünglichen Zweck – dem Sport. Stattdessen haben sie sich zu ganzjährig genutzten Locations für eine große Bandbreite von Veranstaltungen entwickelt: Turniere in allen erdenklichen Sportarten, Konzerte und Musikfestivals, Unternehmensevents und öffentliche Veranstaltungen. Diese erweiterte Nutzung bedeutet höhere Erwartungen und eine steigende Komplexität der Technik rund um das Spielfeld – Audio ist mittlerweile zu einer der wichtigsten Disziplinen in der Stadionausstattung geworden.
Ein kurzer Rückblick (vielen Dank an Stefan Goertz für diesen kleinen Ausflug in die 90er): Es gab eine Zeit, in der die Meinung vorherrschte, dass Stadien kein Einsatzbereich für Hochleistungs-Lautsprechersysteme seien. Diese Ansicht zu ändern, erforderte viel Beharrlichkeit, überzeugende Technik und einen neuen Ansatz beim Systemdesign.
Frühe Stadionprojekte konnten nur auf eine begrenzte Auswahl an Equipment zurückgreifen. Bis vor rund 25 Jahren waren nur wenige Lautsprechersysteme für solche Umgebungen geeignet. Lautsprecher wie unser altehrwürdiger d&b Ci7, mit seinem koaxialen Aufbau und seiner kontrollierten Abstrahlung, erwiesen sich zu jener Zeit als recht gute Lösung. Fun fact: Einige dieser frühen Installationen laufen noch heute (obwohl sie inzwischen zugegebenermaßen durch modernere Systeme unterstützt werden).
Diese frühen Projekte haben uns dabei geholfen, einen Grundsatz zu formulieren, der bis heute Gültigkeit besitzt: Es geht darum, eine normkonforme Lösung zu realisieren: z. B. die SPL-/STI-Anforderungen für Sprachalarm zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Das Gleiche gilt für die Anforderungen im Unterhaltungsbereich, wobei uns die hohe Effizienz unseres Systems dank des ausgeklügelten Designs zugute kommt). Das einzigartige Zusammenspiel zwischen Lautsprechern, Verstärkern mit integrierter digitaler Signalverarbeitung sowie wählbaren Audio- und Fernsteuerungsschnittstellen spielt nach wie vor eine zentrale Rolle bei der Spezifizierung und Entwicklung moderner Systeme.
Heutzutage muss ein Stadion einer großen Bandbreite von Anwendungsfällen gerecht werden. Ein System, das sicherheitsrelevante Durchsagen an Zehntausende von Besucher:innen übermittelt, muss darüber hinaus in der Lage sein, emotional fesselnde Unterhaltung zu transportieren. In vielen Fällen ist beides am selben (Spiel-)Tag erforderlich.
Und dann sind da noch die regulatorischen Rahmenbedingungen. Organisationen wie UEFA und FIFA haben sehr klare Anforderungen an die Sprachverständlichkeit, Gleichmäßigkeit der Abdeckung und Zuverlässigkeit des Systems, insbesondere im Hinblick auf sicherheitsrelevante Szenarien. Wie man sich vorstellen kann, ist es in akustisch so komplexen Umgebungen wie den großen, offenen oder halb überdachten Schüsseln mit viel Publikumslärm, reflektierenden Oberflächen und wechselnden Wettereinflüssen alles andere als einfach, diese Vorschriften einzuhalten. Doch die Einhaltung von Vorschriften ist noch nicht alles.
Vom Spieltag zur Mehrzwecknutzung
Der Zeitplan moderner Stadien ist beeindruckend; die meisten haben ein dichtes Veranstaltungsprogramm, das sich über das gesamte Jahr erstreckt. Nehmen wir das Wembley Stadium, in dem jedes Jahr Dutzende Großveranstaltungen mit Millionen von Besuchern stattfinden. Heute Fußball, morgen ein Konzert und am Tag danach vielleicht eine öffentliche Veranstaltung.
Das bringt uns zu der Frage: Wie kann ein fest installiertes Soundsystem diesen vielfältigen Ansprüchen gerecht werden?
Noch vor ein paar Jahren wurden diese Anforderungen separat behandelt. Es wurde unterschieden zwischen Systemen, die für Sprachdurchsagen optimiert waren und solchen, die auf wirkungsvolle Musikwiedergabe ausgelegt waren. Wenn wir ehrlich sind, ergab diese Unterscheidung nie wirklich Sinn, aber im Zusammenhang heutiger Veranstaltungskalender ist sie noch weniger praktikabel.
Es bedurfte also eines stärker integrierten Ansatzes, bei dem Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit als zentrale Anforderungen im Vordergrund stehen. Fest installierte Soundsysteme sind dafür ausgelegt, sowohl klar verständliche Durchsagen als auch musikalische Darbietungen zu transportieren – und zwar über alle Bereiche des Veranstaltungsortes hinweg. Dieser Ansatz reduziert die Komplexität erheblich und schafft ein konsistentes Erlebnis für alle Arten von Veranstaltungen.
Auf Direktivität kommt es an
Wie könnte es anders sein - es ist mal wieder Zeit für unser Mantra. Angesichts der erweiterte Rolle, die Stadien insbesondere im urbanen Gefüge einnehmen, rückt eine weitere Herausforderung in den Blickpunkt: die kontrollierte Klangübertragung.
Die Lärmschutzvorschriften werden immer strenger und viele Veranstaltungsorte liegen in der Nähe von Wohngebieten. Gleichzeitig sind Stadien so konzipiert, dass die natürliche Energie des Publikums bewahrt wird. Das heißt Audiosysteme müssen Transparenz und Kontrolle gewährleisten und gleichzeitig in der Lage sein, sich bei Bedarf auch bei hohem Umgebungslärmpegel durchzusetzen.
In diesem Zusammenhang spielen Schalldruckpegel nach wie vor eine wichtige Rolle – jedoch nur in Kombination mit einer präzisen Kontrolle, wohin und wie der Schall abgestrahlt wird. Hier kommt breitbandige Direktivitätskontrolle ins Spiel. Technologien wie unsere d&b SL- und CL-Serie haben gezeigt, dass breitbandige Direktivitätskontrolle und kardioides Abstrahlverhalten im Tieftonbereich maßgeblich zu einer verbesserten Performance an Veranstaltungsorten jeder Größe beitragen können, indem sie den Schall genau dorthin liefern, wo er gebraucht wird, während unerwünschte Schallenergie auf dem Spielfeld, in der Dachkonstruktion oder außerhalb des Stadiongeländes minimiert wird.
Während großformatige Konzertproduktionen oftmals auf die KSL und GSL setzen, beobachten wir auch einen zunehmenden Einsatz von XSL und sogar CCL sowie der A-Serie in Festinstallationen – insbesondere dort, wo das Gewicht, die Sichtlinie und infrastrukturelle Einschränkungen kompaktere Lösungen erforderlich machen, die zugleich herausragende elektrische und elektroakustische Effizienz bieten.
Dieser Ansatz trägt dazu bei, das Hörerlebnis zu demokratisieren. Er weitet die Prinzipien der Klarheit, Konsistenz und Kontrolle auf die gesamte Arena aus, wodurch in allen Publikumsbereichen ein hochwertiges Hörerlebnis geschaffen wird – inklusive der VIP- und VVIP-Bereiche mit raffinierten Under-Balcony-Lösungen.
Vorhersage und Signalverarbeitung
Das Wichtigste zuerst. Lange bevor mit der Installation begonnen wird, erfolgt eine genaue Vorhersage. Mittels einer detaillierten akustischen Simulation wird die Performance eines Systems mit den Zielwerten für den Schalldruckpegel und die Sprachverständlichkeit abgeglichen. Dies schafft eine zuverlässige Grundlage sowohl für das Systemdesign als auch für die Konformitätsmessungen vor Ort.
Die Genauigkeit hängt jedoch von der Qualität und Zuverlässigkeit der zugrunde liegenden Daten und von der Gründlichkeit der Voruntersuchungen ab. In komplexen Stadionumgebungen beruht eine zuverlässige Modellierung nicht auf allgemeinen Annahmen, sie ist das Ergebnis detaillierter, projektspezifischer Entwicklungsarbeit. Bei d&b wird dies durch hochpräzise und zuverlässige elektroakustische Daten unterstützt, die auf einheitlichen Labormessverfahren und einem tiefen Verständnis der Modellierung des Verhaltens von Lautsprechern und Systemcontrollern als eigenständige Einheit basieren. In Verbindung mit Expertise im anwendungsorientierten Systemdesign ermöglicht dies die Bewertung und Optimierung jedes Projekts anhand klar definierter Performance-Ziele. Das Ergebnis ist ein Modellierungsverfahren, das sich zuverlässig auf tatsächliche Ergebnisse übertragen lässt. Alle Beteiligten können sich darauf verlassen, dass die im Vorfeld getroffenen Vorhersagen in der Praxis eintreten werden. Für uns ist d&b ArrayProcessing das Werkzeug der Wahl, um die Anordnung, Ausrichtung und Winkelung von Arrays festzulegen. Durch die Möglichkeit einer hochgradig präzisen Optimierung der Pegelverteilung über große Publikumsbereiche hinweg lassen sich die Systeme so abstimmen, dass sie konsistente Ergebnisse liefern, ohne dass (weitere) physische Veränderungen am Aufbau erforderlich sind. So lassen sie sich präzise auf jeden Veranstaltungsort zuschneiden und dann bei Bedarf an verschiedene Veranstaltungsszenarien anpassen, wobei die bestehende Array-Form beibehalten wird.
Außerdem erleichtert es die Skalierung von Systemkonfigurationen. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie viel wir manchmal mit weniger erreichen können. ArrayProcessing ermöglicht uns, extrem effizient zu planen, wobei die Ergebnisse die Erwartungen oft sogar übertreffen.
Am Ende steht ein System, das nicht nur präzise und vorhersagbar ist, sondern auch flexibel, Rider-freundlich und in der Lage, sich über die Zeit extrem effizient und nachhaltig mit dem Veranstaltungsort weiterzuentwickeln.
Individuelle Lösungen
Jeder, der schon verschiedene Stadien besucht hat, weiß: Keine zwei Stadien sind gleich. Durch architektonische Vorgaben, strukturelle Einschränkungen, denkmalpflegerische Aspekte und betriebliche Anforderungen ergeben sich oft Herausforderungen, die sich mit unseren Serienprodukten allein nicht bewältigen lassen. Es braucht einfach etwas mehr.
Deshalb haben sich unsere d&b Custom Solutions zu einem immer wichtigeren Bestandteil vieler Stadionprojekte entwickelt. Für diese maßgeschneiderten Angebote arbeiten wir mit Beratern, Integratoren und Verantwortlichen der Veranstaltungsorte zusammen, um Konzepte zu entwickeln, die den individuellen technischen und betrieblichen Anforderungen gerecht werden. Diese Lösungen reichen von wetterbeständigen Optionen, die selbst widrigsten Bedingungen standhalten, bis hin zu maßgeschneiderten Montage- und Rigging-Varianten mit zusätzlichen Features, wie beispielsweise der Möglichkeit zur Lautsprecherwartung ohne Demontage des Arrays. Darüber hinaus sind spezielle Anpassungen der Lautsprecher möglich, die auf unterschiedliche architektonische und/oder ästhetische Gegebenheiten zugeschnitten sind.
Sicherheit geht vor
Obwohl Konzerte und Live-Veranstaltungen einen Teil des Kalenders füllen, bleibt die Sicherheit eine der zentralen Anforderungen an ein Stadion-Audiosystem.
Durchsage- und Sprachalarmsysteme müssen unter allen Umständen zuverlässig funktionieren. Sowohl in Routine- als auch in Notfallsituationen ist eine reibungslose Kommunikation unerlässlich. Daher haben Aspekte wie Redundanz, Zoneneinteilung, Fallback-Szenarien und die Priorisierung von Nachrichten höchste Priorität.
(Produkt-)Standards wie EN 54 oder EN 50849 definieren wichtige Rahmenbedingungen für unsere Produkte und kompletten Systeme. Jedoch hängt die erfolgreiche Implementierung in der Praxis nicht so sehr von Einzelkomponenten ab, sondern davon, wie das System ausgelegt, integriert und verifiziert wurde, um in entscheidenden Situationen zuverlässig zu arbeiten.
Zusammenarbeit ist alles
Angesichts dieser Komplexität kann Audio nicht als isolierte Disziplin behandelt werden.
Erfolgreiche Stadionprojekte basieren auf enger Zusammenarbeit, sowohl intern als auch extern. Für uns intern bedeutet dies eine eng abgestimmte Koordination aller unserer EAS-Teams (Education & Application Support), oft auch mit unseren Kollegen in den jeweiligen Regionen (EMEA, Americas, APAC, GCN). Wir arbeiten eng zusammen, wobei jeder sein spezifisches Fachwissen in die verschiedenen Phasen eines Projekts einbringt.
Extern stimmen wir uns ständig mit den Beratern, Integratoren und Betreibern der Veranstaltungsorte ab, um sie in jeder Phase zu begleiten – von der frühen Ergebnisprognose in Simulationswerkzeugen bis hin zur Installation, Implementierung und Inbetriebnahme der Systeme.
Bereit für die Zukunft
Tatsache ist: Stadien entwickeln sich ständig weiter, und ebenso muss sich auch unser Ansatz in Bezug auf die Audioqualität und das Zuschauererlebnis weiterentwickeln.
Die erfolgreichsten Veranstaltungsorte werden nicht einfach diejenigen sein, die am lautesten sind. Es werden diejenigen sein, die für Transparenz, Konsistenz und Kontrolle sorgen und den richtigen Sound zur richtigen Zeit an den richtigen Ort bringen – über lange Zeit hinweg.
In einer Welt wachsender Erwartungen und steigender Komplexität ist Vielseitigkeit nicht mehr optional, sie ist die Grundlage eines wirklich zukunftssicheren Stadions.
Von Dominika Obwarzanek, Senior Applications Engineer, d&b audiotechnik
Im Laufe der Jahre haben wir Stadionprojekte aller Größen unterstützt, darunter namhafte Veranstaltungsorte wie das Estádio da Luz von SL Benfica, das Lumen Field in Seattle und das National Stadium in Singapur. Lust dazu, diese Prinzipien in Aktion zu sehen? Hier sind unsere Stadionprojekte und Fallstudien: