Tim Hand

Nach dem Soundcheck hatten wir Gelegenheit, Tim Hand, den Tontechniker von Yazz Ahmed, zu treffen, um über Soundscape und Psychoakustik zu sprechen und auch darüber, warum für Tontechniker eine neue Ära der Improvisation angebrochen ist.

Kannst du uns ein wenig über dieses Projekt und die Rolle von Soundscape hier im King‘s Place erzählen?

Also dieses Projekt wurde schon einmal mit einem typischen Stereo-Setup aufgeführt. Vor ein paar Wochen konnten wir dann im King‘s Place einen Probetag einlegen, was im Zusammenhang mit Soundscape, glaube ich, wirklich wichtig ist. So einen Tag zu haben, ist einfach ein Segen. Es ist fantastisch. Und es bedeutet auch, dass wir noch kreativer damit werden können.

Ich habe in der Vergangenheit schon kleinere Sachen mit Soundscape gemacht, bei denen ich einfach realistische Positionen auf der Bühne nachgebildet und ein bisschen Atmosphäre in den Raum gebracht habe. Aber heute abend können wir es viel kreativer machen und mehr auf die Tracks eingehen. Und außerdem kann ich so mit der Band improvisieren – ein großer Teil ihres Materials ist improvisiert. Aber dazu muss es im Vorfeld auch erstellt und vorbereitet sein, damit ich die Freiheit habe, das zu tun.

In akustischer Hinsicht, wie eignet sich die Hall Two für ein Soundscape Setup? Hast Du das während des Mischens festgestellt? 
Psychoakustisch gesehen gibt es eine Menge interessanter Dinge, die mit Soundscape passieren; man hört die akustische Trompete akustisch ohne Verstärkung, dann setzt man Soundscape ein und verstärkt sie, und sie ist tatsächlich lauter. Allerdings nehmen die Leute sie nicht als verstärkt wahr und denken deshalb, dass sie falsch klingt, oder? Weil wir so geschult sind und uns so an einen bestimmten Klang gewöhnt haben, und den bekommt man dann nicht.

Das heißt, in gewisser Weise ist Soundscape, glaube ich, zu naturalistisch für bestimmte Gegebenheiten, und ich musste mit dem EQ arbeiten, was ich normalerweise nicht tun würde, damit alles so klingt, als käme es durch eine PA, weil die Positionierung so gut ist. Aber das macht meine Arbeit eben auch viel interessanter, denn plötzlich habe ich eine ganz andere kreative Bandbreite, die ich nutzen kann und die ich vorher nicht hatte.

Es geht nicht nur um das tonale Gleichgewicht. Es geht nicht nur um die Verständlichkeit. Es geht nicht nur darum, dass die Kreativität ein wenig begrenzt ist auf den Nachhall, den man verwendet. Ich reagiere auf die Improvisation, und ich improvisiere jetzt selbst bis zu einem gewissen Grad. Und ich improvisiere mit dem Raum und der Wirkung, die das emotional auf das Publikum hat, auf eine Art, wie ich das mit einem L/R-System nicht kann.

Und deshalb glaube ich, dass Soundscape eine ganz neue Welt der Zusammenarbeit mit den Künstlern eröffnet, weil man eine ganz andere Art von Entscheidungen trifft, wie die Musik des Künstlers wahrgenommen wird, über die man mit ihm sprechen muss. Also für mich ist es großartig. Ich finde, es ist echt faszinierend und ein wirklich interessanter kreativer Prozess für einen Tontechniker.

Im Mix gibt es viele Faktoren. In Bezug darauf, wie sich eine Show von der anderen unterscheidet, hängt das von der Spielweise ab? Oder von der Kreativität? Oder davon, wie viele Leute im Raum sind? 

In gewisser Weise ist es Jazz – jede Show ist anders. Aber Soundscape ermöglicht es mir ja auch, Unterschiede zu haben. Wenn ich mit dem L/R-System die erste Aufführung gemacht habe und die tonale Balance gut fand, bleibt sie auch in der zweiten Aufführung. Tatsächlich werde ich aber jetzt in jeder Show ein paar andere Dinge ausprobieren, ein paar andere Positionierungen. 

Ich habe Soundscape so eingerichtet, dass ich damit praktisch live improvisieren kann; wir haben mit einigen gespeicherten Szenen gearbeitet, aber eigentlich würde ich die Objekte viel lieber bewegen; die Objekte zu gruppieren war wirklich wichtig, weil ich physisch nur eine bestimmte Bewegung auf einmal machen kann – damit habe ich im Soundcheck nur ein bisschen herumgespielt. 

Ich verlasse mich einfach darauf, dass ich spüre, was das Richtige sein könnte. Also ja, es wird Unterschiede geben, weil ich mich von dem leiten lasse, was die Künstler machen. Aber Soundscape ermöglicht mir das auf eine Art und Weise, wie es kein anderes System kann, das ich bisher benutzt habe. Bisher war ich nicht Teil der Improvisation. Aber jetzt bin ich es. 

Glaubst du, dass es für einen Tontechniker ohne vorherige Beziehung zum Künstler möglich ist, Soundscape spontan kreativ zu nutzen? 

Ich glaube, es ist absolut möglich, aber wie bei jeder Art von Tontechnik geht es um Vertrauen; darum, dass der Künstler dir vertraut, dass du das machst, was künstlerisch richtig für seine Musik ist, und darum, dass du seine ästhetischen Ansprüche genügend verstehst, um etwas zu tun, das angemessen ist.

Ich habe schon ein paar Mal Soundscape bei Künstlern eingesetzt, die ich vorher noch nie getroffen hatte, und es ist eine echte Mischung. Es gibt einige Künstler, die wirklich beteiligt werden wollen und die Kontrolle behalten wollen, und einige, die überhaupt nicht beteiligt werden wollen. Vielleicht verstehen sie es noch nicht und denken, eigentlich will ich, dass du dich damit beschäftigst. Es gibt also zwei Seiten, aber man kann absolut bei einem Künstler mit Soundscape einsteigen, mit dem man vorher noch nicht zusammengearbeitet hat und etwas wirklich Interessantes auf die Beine stellen.